Superfood – Dichtung und Wahrheit

Superfood – Dichtung und Wahrheit

Diese Abhandlung habe ich meiner geschätzten Kollegin Frau Prof. Dr. Christel Müller-Goymann, TU Braunschweig,  zum 65.Geburtstag gewidmet.

In der aktualisierten Liste mit Neologismen, die vom Institut für Deutsche Sprache jeweils zum Jahresende veröffentlicht wird, ist der Anglizismus Superfood enthalten. Superfood ist ein Marketingbegriff. Damit werden heute Nahrungsmittel bezeichnet, die angeblich einen besonderen gesundheitlichen Nutzen aufweisen.

Dem Erhalt der Gesundheit sollen auch die Nahrungsergänzungsmittel dienen, wozu die Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. eine neue Informationsplattform zur Verfügung gestellt hat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat am 30. Januar 2017 auf der Grünen Woche auf seinem Forum „Nahrungsergänzungsmittel – Ein Trend ohne Risiko?“ die pflanzlichen Nahrungsergänzungsmittel als Botanicals bezeichnet. Ohne Anglizismen scheint auch das BfR wohl nicht mehr auszukommen.

Was ist drin – in den exotischen Beeren, Früchten, Körnern und Wurzeln, die als Superfood oder Botanicals deklariert werden?

Was ist dran – an den gepriesenen wunderbaren Wirkungen?

Neben den Berichten in Boulevardzeitungen oder TV-Magazinen, deren Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lässt, und den überschwänglichen Werbetexten in den Beipackzetteln von Fitness-und Wellness-Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln erscheint daher eine aktuelle, sachliche Synopse angebracht. Sie soll außer der Charakterisierung der essentiellen Inhaltsstoffe deren therapeutische und prophylaktische Eigenschaften kritisch betrachten sowie als Entscheidungshilfen dienen. Dabei müssen auch zu erwartende oder zu befürchtende schädliche Nebenwirkungen genannt werden.

Im Wesentlichen geht es um den Gehalt an gesundheitsfördernden Vitaminen, Anthocyanen, Carotinoiden und anderen pflanzlichen Sekundärstoffen, um Mineralstoffe wie Calcium; Eisen, Kalium, Magnesium und Spurenelemente wie Selen und Zink. Leider fehlen bei der Beschriftung der Handelspräparate in der Regel quantitative Angaben. Deshalb soll hier eine nach bestem Wissen und Gewissen erstellte Auflistung der Nähr-und Wirkstoffe der Superfood-Präparate den objektiven Vergleich und eine sachliche Beurteilung ermöglichen.

Superfood – Inhaltsstoffe

Beeren

Açai-Beeren sind keine Beeren sondern die ein bis zwei Zentimeter großen, schwarz-blauen, äußerlich den Heidelbeeren ähnelnden Steinfrüchte der Kohlpalme (Euterpe oleracea, Arecaceae), die vor allem in Brasilien wächst. Wegen ihrer leichten Verderblichkeit werden sie in Europa nur in Form von Zubereitungen vermarktet. Die verschiedenen Vitamine sind in einer so geringen Konzentration vorhanden, dass sie keine signifikanten Wirkungen verursachen können. Erwähnenswert sind ungesättigte Fettsäuren und vor allem Antioxidantien in Form von Anthocyanen, die man als gesundheitsfördernd bezeichnen kann, die jedoch in unseren heimischen Heidelbeeren in einer höheren Konzentration anzutreffen sind.

Beurteilung: Die gepriesenen therapeutischen Eigenschaften wie Krebs heilen, schlank machen, vor Herzerkrankungen schützen, sexuelle Stimulation, sind nicht ernsthaft belegt. Gelegentliche allergische Beschwerden können nicht ausgeschlossen werden. Açai-Produkte sind als Nahrungsergänzungsmittel geeignet. Ihre überhöhten Preise sind nicht gerechtfertigt.

Amla-Beeren (Ambla-Beeren) – Die auf dem Amlabaum (Phyllanthus emblica, Euphorbiaceae) wachsenden Beeren, die auch indische Stachelbeeren genannt werden, schmecken sauer, bitter und sind adstringierend.

Beurteilung: Die Amla-Beere soll in vitro antivirale und antibakterielle Eigenschaften besitzen. In der indischen Naturheilkunde (Ayurveda) ist sie in Verjüngungsmitteln enthalten. Gegen die Pflege der Haare mit Amla-Zubereitungen bei Haarausfall und grauen Haaren ist nichts einzuwenden.

Aronia-Beeren werden auch als Apfelbeeren bezeichnet wegen ihrer Gestalt von winzigen Äpfelchen (Durchmesser 5 bis 12 mm). Die zur Familie der Rosaceae gehörenden, am häufigsten angebauten Arten sind die Schwarze Apfelbeere (Aronia melanocarpa und die Filzige Apfelbeere (Aronia arbutifolia). Die im Herbst geernteten Früchte schmecken ähnlich wie Heidelbeeren und können getrocknet verwendet werden.

Beurteilung: Neben verschiedenen Vitaminen ist vor allem der hohe Flavonoid-Gehalt in Form von Anthocyanen zu nennen. Aus einem Kilogramm Früchte lassen sich im Extremfall etwa 30 g Flavonoid-Farbstoffe isolieren. Als Mittelwert enthalten 100 g Aronia-Beeren 1,48 g Anthocyane. Bei Holunder-Beeren sind es 1,37 g. Nach in-vitro-Versuchen senken Fruchtextrakte der Aronia signifikant den oxidativen Stress bzw. dessen Folgen. Empfohlen werden Aronia-Beeren zur Milderung der Nebenwirkungen in den verschiedenen Phasen der Chemotherapie.

Goji-Beeren sind die Früchte des Gemeinen Bocksdorns (Lycium barbarum, Solanaceae), die im Englisch-sprachigen Raum Goji oder Wolfberry genannt werden. In China liefert eine Varietät (Lycium barbarum auranticarpum) die chinesische Wolfsbeere, die in der traditionellen chinesischen Medizin und der chinesischen Küche Verwendung findet. Die im Sommer und Herbst geernteten Früchte werden an der Sonne getrocknet.

Beurteilung: Enthaltene Polysaccharide sollen immunmodulierende Wirkungen haben, was nicht belegt ist. Starke antioxidative Eigenschaften durch sekundäre Pflanzenstoffe wurden experimentell bestätigt. Von den angeblich 25 Spurenelementen benötigt der Mensch nur 11. Die Carotinoide Lutein und Zeaxanthin wirken einer Makula-Degeneration entgegen, sind aber u.a. auch in Tomaten, Paprika, Grünkohl, Spinat oder Eidotter enthalten. Frühere Vermutungen, der zur Familie der Nachtschattengewächse gehörende Bocksdorn würde Hyoscyamin enthalten, konnten widerlegt werden. Vergiftungsfälle sind beim Menschen nicht bekannt. Goji-Beeren sind als Nahrungsergänzungsmittel bei einseitiger Ernährung, Stress, banalen Erkrankungen und altersbedingten Mängeln indiziert.

Wechselwirkungen: Bei gleichzeitiger Einnahme von Vitamin-K-Antagonisten zur Verzögerung der Blutgerinnung wird die „blutverdünnende“ Wirkung verstärkt. Es besteht erhöhtes Risiko für Blutungen.

Kran-Beeren – Die Kranbeere, engl. Cranberry oder Großfrüchtige Moosbeere (Vaccinium macrocarpon, Ericaceae) enthält Pro-Anthocyanidine und wird zur Vorbeuge gegen Harnwegsinfektionen empfohlen. Sie sollen die Adhäsion von Escherichia coli-Bakterien an das Epithel der unteren Harnwege verhindern. Für therapeutische Zwecke werden flüssige und pulverförmige Konzentrate hergestellt, die antibakteriell, antioxidativ und Cholesterol-senkend wirken.

Beurteilung: Kran-Beeren können als Nahrungsergänzungsmittel empfohlen werden. Von den therapeutischen Effekten sollte man sich nicht zu viel erhoffen. Die Wirksamkeit bei Harnwegsinfektionen ist nicht einwandfrei bewiesen.

Früchte

Acerola-Früchte – Die auch Acerola-Kirschen genannten Steinfrüchte wachsen auf Sträuchern (Malpighia glabra, Malpighiaceae), sehen wie Kirschen aus, sind aber nicht mit echten Kirschen (Rosaceae) verwandt. Da die Vitamin C-reichen Steinfrüchte weich, dünnhäutige und wenig haltbar sind, werden sie meistens zu Saft verarbeitet. 100 ml Saft enthalten 1,4 bis 4,5 g Ascorbinsäure. In der Werbung für Acerola-Produkte wird oft behauptet, dass das Vitamin C der synthetisch gewonnenen Ascorbinsäure überlegen sei. In Wirklichkeit unterscheidet sich die naturidentische, synthetische Ascorbinsäure in keiner Weise von der aus der Acerola-Kirsche gewonnenen. Halt – ich muss mich korrigieren. In den Preisen bestehen gewaltige Unterschiede.

Beurteilung: Acerola-Produkte sind in der Regel überteuert und können als natürliche Vitamin C-Quellen durch Citrusfrüchte ersetzt werden, die zwar einen geringeren Vitamingehalt aufweisen, dafür aber in größeren Quantitäten verzehrt werden dürfen.

Noni-Früchte wachsen auf dem Nonibaum (Morinda citrifolia, Rubiaceae). Sie besteht aus einem Fruchtverband von Steinfrüchten, der wie eine riesige Maulbeere aussieht. Ihr Käse-artiger Geschmack und Geruch wird als unangenehm empfunden. Neben einer Vielzahl identifizierter und isolierter sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe ist der wichtigste Wirkstoff das Xeronin, ein universeller Enzymaktivator, der nahezu alle Enzyme aktiviert.

Beurteilung: Die Europäische Kommission erteilte 2003 die Genehmigung für das Inverkehrbringen von Nonisaft als neuartige Lebensmittelzutat.

Samen und Körner

Chia-Samen – Die winzigen Chia-Samen stammen von einer einjährigen krautigen Pflanze (Salvia hispanica, Labiatae). Sie enthalten etwa 10mal mehr Omega-3-Fettsäuren als Lachs und sind in den Mengen an Antioxidantien, Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen den üblichen Naturstoff-Quellen überlegen: Mehr Antioxidantien als Orangen, mehr Eisen als Spinat, mehr Calcium als Vollmilch, mehr Magnesium als Brokkoli, mehr Ballaststoffe als Leinsamen. Chia-Samen sind Gluten-frei und zeigen einen blutverdünnenden Effekt.

Beurteilung: Mögliche Nebenwirkungen bei hoher Dosierung sind Blähungen und Völlegefühl; Allergien können auftreten. Als Bestandteile von Müsli, Backwaren, Puddings, Marmeladen und Salaten sind Chia-Samen nützlich. Sie sollen zur Besserung bei vielen Erkrankungen beitragen und können insgesamt als gesundheitsförderlich bezeichnet werden.

Notabene: Das Wort Chia dient auch als Namen für den Muskatellersalbei (Salvia sclarea), dessen etherisches Öl zur Aromatherapie eingesetzt wird.

Quinoa-Samen dienten schon in der Rolle von Getreide den Inkas als Grundnahrungsmittel (Inkaweizen). Sie sind aber die einsamigen Nüsschen eines krautartigen Gänsefingergewächses (Chenopodium quinoa, Chenopodiaceae). Die eiweißreichen Samen werden in Deutschland zur Herstellung von Suppen, Breien, Grützen, Flocken, Fladen, Süßspeisen, Konfitüren, Desserts, Joghurt etc. verwendet. In Backwaren werden sie Getreidemehlen zugemischt, weil sie alleine nicht backfähig sind.

Beurteilung: Quinoa-Samen ergänzen sinnvoll das Gluten-freie Nahrungsmittelangebot. Die Samenschalen enthalten Saponine, welche die Darmschleimhaut reizen. Durch Schälen, Waschen und Kochen wird der Saponingehalt vernachlässigbar gering.

Amarant oder Chinesischer Spinat ist eine weltweit verbreitete, krautige, einjährige Pflanze, die zur Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae) gehört. Die Blätter werden als schmackhaftes Gemüse verwendet. Hier interessieren uns die Samen. Die Samenkörner enthalten 13% Eiweiß, 60% Kohlenhydrate und 2,5% Fett. Sie werden in Mischungen mit Weizenmehl zur Herstellung von Keksen, Knäckebrot, Nudeln, Müsli oder Müsliriegeln verwendet.

Beurteilung: Hochwertiges Nahrungsmittel, das sich wegen der Gluten-Freiheit auch zur Bereitung von Diätspeisen eignet.

Notabene: Das homofone Wort Amaranth ist die Bezeichnung für den synthetischen Lebensmittelfarbstoff mit der E-Nummer 123, der Allergien auslösen kann.

Wurzeln und Knollen

Maca ist eine zweijährige Kresse-Art (Lepidium meyenii, Cruciferae). Vorwiegend wird das trivial als Knolle bezeichnete gedrungen-birnenförmige, rübenartige Hypokotyl als Stärkelieferant verwendet. Die frischen Rüben enthalten Glucosinolate, aus welchen sich Senföle entwickeln, die einen scharfen Geschmack verleihen. Die getrockneten und vermahlenen Rüben enthalten neben Eiweiß Fettsäuren, Kohlenhydraten, Mineralien, Aminosäuren auch Alkaloide (Macaine) und Steroide (Brassicasterol, Campesterol, Ergosterol, Sitosterol u.a.).

Beurteilung: Der Verzehr von Maca-Produkten soll die physische und intellektuelle Leistungskraft verbessern, vitalisieren und sexuell stimulieren, wofür es keine konkreten Belege gibt, was aber seinerzeit die Konquistatoren veranlasste, ganze Schiffsladungen der Maca von Peru an den spanischen Königshof zu exportieren. Nach Ansicht des Bundesamtes für Risikobewertung „lassen sich derzeit bei der Verwendung von Maca keine gesundheitlich unbedenkliche Zufuhrmengen als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel ableiten“.

Blätter

Moringa ist der Name des mittelgroßen oder strauchartigen Meerrettichbaumes, (Moringa oleifera, M. ovalifolia, M. hildebrandtii, Moringaceae) dessen junge, Kresse-artig schmeckenden Blüten und Blätter sowie unreifen Früchte als Drumstickgemüse bezeichnet und verzehrt werden. Die scharf schmeckenden Wurzeln dienen zum Würzen von Speisen und sind Bestandteil bestimmter Curry-Sorten. Wichtigste Inhaltsstoffe sind neben Nitrilglykosiden die Senfölglykoside mit hypotensiver Aktivität.

Beurteilung: Frische Blätter, die es hier nicht gibt, können wie Spinat zubereitet werden. In einem Moringa-Pulver sind Salmonellen, in einem anderen Pestizid-Rückstände gefunden worden. Eine gewisse Bedeutung haben Moringa-Pulver zur Reinigung und Desinfizierung von Wasser.

Süßwasseralgen

Chlorella ist der Gattungsname einer in hoher Artenvielfalt bekannten Mikroalge, die zu den Grünalgen zählt und in der Biologie sowie Biotechnologie einen bedeutenden Modellorganismus darstellt. Chlorella kann leicht und in großen Mengen kultiviert werden.

Beurteilung: Werbeaussagen zur Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel sind irreführend. Wertvolle Nährstoffe sind nur in sehr geringen Mengen enthalten. Chlorophyll ist für den Menschen ernährungsphysiologisch bedeutungslos. Die Algen sollen immunstimulierend wirken. Als Süßwasseralgen sind sie Iod-frei!

Spirulina ist der Gattungsname für artenreiche Cyanobakterien (Blaualgen), die in Aquakulturen produziert werden können. Sie enthalten etwa 60% Proteine, 20% Kohlenhydrate, 4% Fette und 5,5% Mineralstoffe sowie weitgehend unwirksame Vitamin B12-Analoga und eignen sich als Nahrungsergänzungsmittel.

Beurteilung: Die Vereinten Nationen fördern den weltweiten Anbau von Spirulina, um damit dem Hunger und der Unterernährung Paroli bieten zu können.

Afa-Algen (Aphanizomenon flos-aquae) sind eine Cyanobakterien-Art, die in Süßwasser, Seen und Teichen als Wasserblüte auftritt und als Nahrungsergänzungsmittel angeboten wird.

Beurteilung: Afa-Algen unterliegen in Deutschland der Nahrungsergänzungsmittelverordnung. Gesundheitsbezogene Werbung ist daher untersagt und kann kostenpflichtig belangt werden.

Abschließend zwei interessante Aspekte: Die Höhenlagen der wichtigsten Anbaugebiete und das Fehlen bestimmter „Power-Moleküle“.

 

Wie aus der Tabelle hervorgeht, die ein grobes Raster darstellt und nicht weitere Anbaugebiete ausschließt, liegen die Erzeugungsländer der meisten Superfoods in beträchtlicher Höhe über dem Meeresspiegel, was an einen Einfluss der stärkeren Sonnenstrahlung denken lässt. Auffallend ist ferner, dass in den Superfood-Werbetexten nicht auf Verbindungen wie Coenzym Q10, Kreatin, L-Carnitin oder Phytoestrogene eingegangen wird, die oft bei Nahrungsergänzungsmitteln als wertvolle Komponenten genannt werden.

Was ist Wahrheit, was ist Dichtung?

Die Wahrheit nennt die im Superfood enthaltenen Nähr- und Wirkstoffe. Als Dichtung sind die nicht ausreichend belegten therapeutischen und prophylaktischen Wirkungen zu bezeichnen und die phänomenalen Erfolge, die beim Verzehr solcher Wunderprodukte angeblich erzielt werden.

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