Beeren oder keine Beeren*

! Beeren oder nicht ?

Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Maulbeeren, Holunderbeeren, Vogelbeeren und Wacholderbeeren sind keine Beeren! Auberginen, Avocados, Bananen, Gurken, Kiwis, Melonen, Papayas, Tollkirschen, Tomaten, die Früchte der Kartoffel, des schwarzen und des bittersüßen Nachtschattens und Zitrusfrüchte sind Beeren! Echte Beeren sind auch Heidelbeeren, Johannisbeeren, Kapstachelbeeren (Physalis peruviana), Moosbeeren, Preiselbeeren, Stachelbeeren und Weintrauben.

  • Die Erdbeere ist ein fleischiger Fruchtstand mit Nüsschen als Früchte.
  • Die Holunderbeere ist botanisch gesehen eine Steinfrucht.
  • Brombeeren, Himbeeren und Maulbeeren sind Sammelfrüchte von kleinen Steinfrüchten.
  • Die Vogelbeere ist eine Apfelfrucht, also Kernobst, die Wacholderbeere ein Zapfen.

Definition: Die Beere ist eine aus einem einzigen Fruchtknoten entstandene Schließfrucht, die sich bei der Reife nicht öffnet und deren komplette Fruchtwand (Perikarp) fleischig bis saftig bleibt. Sie ist meist vielsamig. Wird die Außenschicht bei der Reifung lederartig hart, wie es bei der Melone oder dem Kürbis der Fall ist, so spricht man von Panzerbeeren.

Echte und definitionsgemäß falsche Beeren werden unter der handelsüblichen Bezeichnung Beerenobst zusammengefasst. Es sind empfindliche, nur kurze Zeit haltbare Früchte, die am besten frisch z.B. als Dessert verzehrt oder zur Bereitung von Konfitüren, Kompotten, Gelees, Säften und zum Belegen von Kuchen verwendet werden.

Essbare echte und falsche Beeren sind meist rundlich und kräftig gefärbt. Leider sind die meisten giftigen Beeren auch rund und farbenprächtig. Die folgende Tabelle enthält die wichtigsten, bei uns vorkommenden Pflanzen mit giftigen Beeren, nebst Namen der Stammpflanzen, Farbe der Beeren und toxischen Haupt-Inhaltsstoffen.

Tabelle giftige Beeren

Der Verzehr giftiger Beeren stellt eine Gefahr für Kinder und unbekümmerte Erwachsene dar. Außer dem zentralen Giftnotruf  für alle Giftinformationszentren in Deutschland, Österreich, Schweiz gibt es auch eine Android-App  Vergiftungstabelle für Kinder.

Intermezzo

Und wenn Sie sich beim Ernten der Brombeeren oder Himbeeren verletzt haben, hier die Frage: waren es Dornen oder Stacheln? Die Redensart „keine Rose ohne Dornen“ ist unsinnig, denn die sprichwörtlichen Dornen sind Stacheln. Dornen sind zu stechenden Strukturen umgewandelte botanische Organe wie Sprossachsen, Blätter, Nebenblätter, Wurzeln. Zu erkennen sind sie an ihrer Stellung und dadurch, dass sie stets von Leitbündeln durchzogen sind. Auch die Kakteen haben echte Dornen, keine Stacheln. Da sie meist in sehr trockenen Gebieten leben, brauchen sie diesen Schutz, um nicht gefressen zu werden. Stacheln sind stechende Strukturen aus Emergenzen (Auswüchse) von Epidermis (Abschlussgewebe, Oberhaut) und Rindengewebe. Die Brombeer-Ranken wehren sich mit Stacheln! Entsprechend dieser Definitionen besitzen Rosen keine Dornen sondern Stacheln.

Falsche Beeren

Als Beeren werden bei flüchtigem Hinsehen oft auch die Früchte der Europäischen Eibe (Taxus baccata) betrachtet. Die leuchtend-roten Eiben-Früchte sind aber weder Beeren noch Früchte sondern das die Samen umgebende, fleischige Gewebe, das den Samenmantel (Arillus) bildet und sich nicht aus der Samenschale entwickelt hat. Der becherartige Arillus ist ein Auswuchs aus dem Stielbereich der Samenanlage und enthält keine giftigen Taxane, die aber im Samen und in allen Teilen der Eibe anzutreffen sind. Früchte sind definitionsgemäß bedecktsamige Organe, was bei den Eiben-„Früchten“ nicht der Fall ist. Der farbige Arillus dient der Anlockung von Vögeln, die den Arillus samt Samen fressen und so der Ausbreitung der Pflanze dienen.

Wenn man das lateinische bzw. latinisierte Wort baccatus (weibliche Form baccata)  mit beerenartig oder Beeren-tragend übersetzt, dann ist der wissenschaftlich-lateinische Namen der Europäischen Eibe Taxus baccata irreführend.

Samenlose (kernlose, kastrierte) Beeren

Bei der Aufzählung definitionsgemäß echter Beeren werden berechtigter Weise die Weintrauben genannt. Weintrauben sind die Fruchtstände der Weinreben. Die einzelnen Früchte des Fruchtstandes heißen Weinbeeren. Die Gesamtheit aller Beeren an einem Stielgerüst (Kamm) heißt Traube. Beeren sind einsamige bis mehrsamige Schließfrüchte, die sich bei der Reife nicht öffnen und deren komplette Fruchtwand (Perikarp) fleischig bis saftig bleibt.

Wenn wir heute mit Vorliebe die in allen Supermärkten angebotenen samenlosen Weintrauben (seedless  grapes) verzehren, sollte uns bewusst sein, das es  sich dabei nicht mehr um intakte, naturbelassene Beeren handelt, sondern um Scheinfrüchte durch Zucht veränderter Weinreben. Da die neuen Sorten Lizenzgebühren bringen, stellt sich die Frage, ob die Züchter nur den erhöhten Genuss und das Wohl der Verbraucher im Sinn haben?

*Dieser Essay ist Frau Ingrid Merkel, der Direktorin der Akademie Schloss Rotenfels, in freundlicher Verbundenheit zum 65. Geburtstag gewidmet.

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