Dehydratisierung oder Dehydrierung?

Dehydratisierung oder Dehydrierung?
Über den falschen Gebrauch der Begriffe

Ausgelöst durch einen verbalen Fauxpas in einem Bericht über die Sendung  Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer – Wie gut ist unser Wasser? scheint es mir erforderlich, wieder einmal über die Herkunft, die exakte Verwendung und den falschen Gebrauch dieser Begriffe nachzudenken.

Schon zu Zeiten des weltberühmten Chemikers Justus von Liebig (1803 – 1873) waren die Begriffe dehydrieren und Dehydrierung bekannt und wurden sinngemäß in exakter Weise verwendet. Sie beschreiben das Abspalten von Wasserstoff aus chemischen Verbindungen. So werden beispielsweise Alkane zu Alkenen dehydriert oder Alkohole zu Aldehyden. Etymologisch entstand dehydrieren durch Derivation des Verbs hydrieren (= mit Wasserstoff versehen, Wasserstoff anlagern oder einfügen) und dem lateinischen Suffix de (= weg, ab). Dehydrieren heißt also Wasserstoff – nicht Wasser – abspalten oder wegnehmen und ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff Dehydratisieren.

Dehydratisieren – auch Dehydratation genannt – bezeichnet die Entfernung von Wasser aus verschiedenen Stoffen und Organismen. Sie kann auf chemische oder physikalische Weise erfolgen. Ein physikalischer Prozess der Dehydratisierung ist die Elimination von Kristallwasser durch schlichtes Trocknen. So kann z. B. aus Natriumsulfat-Pentahydrat das wasserfreie Natriumsulfat (Glaubersalz) hergestellt werden. Eine gesundheitsschädliche Dehydratisierung ist die Entfernung von Wasser aus dem menschlichen Körper z.B. durch  starkes Schwitzen oder infolge eines Durchfalls. Abhilfe ist dann durch Hydratisieren zu erreichen, also Verabreichung von Wasser und nicht durch Hydrieren, das hieße nämlich Anlagerung von Wasserstoff.

Mir klingt es heute noch grässlich in den Ohren, wie ein prominenter Medizin-Professor bei einem Fortbildungsvortrag über akute Diarrhoe vor Pharmazeuten mit erhobenem Zeigefinger und lauter Stimme plärrte: „Hydrieren, hydrieren, hydrieren!“. Mit dieser Aufforderung kann zwar aus pflanzlichen Ölen ein streichbares Fett gemacht, aber nicht das defizitäre Wasser im Körper ersetzt werden. Bei Tiefseefischen würden aus den kostbaren, stark ungesättigten Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren) als Komponenten der Fischöle ungesunde gesättigte Fettsäuren entstehen, wie sie im Rinder- oder Hirschtalg enthalten sind, einhergehend mit der Versteifung von Membranen, Zellen und Gefäßen. Je stärker ungesättigt die Fettsäuren als molekulare Komponenten von Fetten und fetten Ölen sind, desto flüssiger sind diese. Je gesättigter die Fettsäure-Komponenten – desto steifer die Fette und fetten Öle. Das ist auch der Grund, warum die in sehr kaltem Wasser lebenden Tiefseefische mehrfach stark ungesättigte (mit Doppelbindungen versehene) Fettsäuren enthalten.

Publizisten, Autoren, Redner, die über eine ausreichende Bildung verfügen, wissen wohl zwischen hydrieren und hydratisieren zu unterscheiden und tun dies auch. Wenn behauptet wird, dass sich eine „Dehydrierung direkt auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirkt“, dann mag das durchaus zutreffen, doch bleibt die Frage offen, mit welchen Katalysatoren und unter welchen chemischen Bedingungen diese Reaktion erfolgen soll. Mit Wasser hat das nichts zu tun!

Leider werden in der Umgangssprache hydrieren und hydratisieren fälschlicherweise synonym gebraucht. Sogar der Duden, dessen Sprachhüter es besser wissen müssten, erlaubt diesen verbalen Missgriff.

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