Mutter, der Rote war allzu feurig

Mutter, der Rote war allzu feurig,

erklärt in der Oper Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni der junge Bauer Turridu seiner Mutter Lucia. Die Folgen waren für ihn nicht gesundheitsfördernd sondern tödlich, aber nicht wegen des Alkohols sondern wegen seines Fremdgangs mit Lola, der Frau des Fuhrmanns.

Hier und heute geht es weniger dramatisch zu. Nicht der akute Tod steht zur Debatte, es soll nur entschieden werden, ob Rotwein gesund oder ungesund ist und nebenbei auch, was vom französischen Paradoxon zu halten ist. Inspiriert dazu hat mich der Artikel „Rotwein fördert Krebs und hilft dagegen“ von Sven Stockrahm in der ZEIT vom 31. März 2015.

Wie Sie erkennen können, führt der Vergleich internationaler Statistiken zu keinem eindeutigen Ergebnis. Fragen wir lieber, was im Rotwein an wertvollen Wirkstoffen enthalten ist. Es sind die antioxidativen Polyphenole (Proanthocyanidine), die den oxidativen Stress verhindern oder zumindest vermindern. Sie sind in den Schalen und Kernen der Trauben angereichert und deshalb im Rotwein zu finden, dessen Maische erst nach einigen Tagen gekeltert, d.h. von den Schalen, Kernen und Stängeln abgepresst wird. Inzwischen sind die Polyphenole in Lösung gegangen, die dem Rotwein seine Farbe, seinen Geschmack und seine antioxidativen Eigenschaften verleihen. Im Weißwein sind auch Polyphenole zu finden, jedoch in sehr geringer Konzentration. Wenn die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Rotweins in erster Linie den Catechinen zugeschrieben werden, dann deshalb, weil sie bei der Hydrolyse der Polyphenole bevorzugt entstehen. Ein weiterer Wirkstoff des Rotweins ist das Resveratrol, das nicht nur den alten, Rotwein trinkenden Knaben die Gesundheit erhalten, sondern auch als sog. Phytohormon den nicht mehr ganz jungen Mädchen die Wechseljahre erleichtern soll.

Das französische Paradoxon besteht darin, dass die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingte Mortalität in Frankreich deutlich niedriger ist als in den anderen europäischen Ländern. Der Verzehr fettreicher Speisen ist in Frankreich nicht geringer als anderswo und die Serum-Cholesterin-Werte der Franzosen stimmen mit denen anderer Landsleute weitgehend überein, wie epidemiologische Studien gezeigt haben. Als Ursache der geringeren Mortalität wird der vergleichsweise höhere Konsum von Rotwein angesehen, dessen antioxidativen Wirkstoffe vor Herzinfarkt und Krebs schützen sollen.

Die Frage, ob und in welcher Dosierung Rotwein gesundheitsfördernd ist, muss jeder Mensch für sich selbst ermitteln, der Chemiker würde sagen „austitrieren“. Wenn er die optimale Dosis gefunden hat, dann kann der Rote nur nützlich sein. Bis das geschehen ist, halten wir uns an die Erkenntnis von Plutarch:

Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste und unter den Nahrungsmitteln das angenehmste.

Wer mehr über den Wein und nebenbei auch über die Chemie der zitierten Wirkstoffe wissen möchte, der lese meinen Artikel „in vino veritas“, der bereits 2008 publiziert wurde.

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