Arsen – geschätzt, verdammt und wieder nützlich

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Arsen – geschätzt, verdammt und wieder nützlich

In manchen deutschen Heilquellen, zu denen auch Bad Dürkheim und Baden-Baden zählen, ist Arsen ein natürlicher Bestandteil. Heilwasser hat in Deutschland den Status eines Arzneimittels und unterliegt damit dem Arzneimittelgesetz. Es kann innerlich für Trinkkuren und äußerlich für medizinische Bäder angewandt werden. Früher einmal waren bis zu 180 Mikrogramm pro Liter (μg/L) erlaubt. Als das

Gesetz einen niedrigen Wert forderte, hat man in Baden-Baden eine kostspielige Entarsenierungsanlage installiert, womit die Arsenwerte auf unter 40 μg/L gesenkt werden konnten. Seit Mai 2011 ist jedoch der Grenzwert für Arsen in Heilwässern auf 20 μg/L gesetzlich festgelegt worden. Die Brunnen der Baden-Badener Heilquellen wurden im Januar 2013 still gelegt. Grund war der zu hohe natürliche Arsengehalt als Grenzwert für Heilwasser. Seit Ende März 2015 sprudeln sie wieder.

Nehmen wir die Brunnenaffäre zum Anlass einer Nutzen-Risiko-Betrachtung der therapeutischen Anwendung von Arsenverbindungen.

Immer wenn in diesem Zusammenhang von Arsen die Rede ist, geht es dabei nicht um das halbmetallartige, elementare Arsen, sondern um dessen dreiwertige Verbindungen, darunter das als Arsenik bezeichnete Arsentrioxid (Arsen(III)-oxid).

Arsenhaltige Mineralien wurden schon von den Ärzten der Antike als Heilmittel eingesetzt. Vom 18. bis Mitte 20. Jahrhundert war die Fowlersche Lösung – benannt nach dem britischen Arzt Thomas Fowler (1736 – 1810) – ein vielfach gebrauchtes Arzneimittel, das u.a. auch als Aphrodisiakum und medizinisches Wundermittel galt. In den Arzneibüchern, so auch noch in der sechsten Ausgabe des Deutschen Arzneibuchs, war sie als Monographie Liquor Kalii arsenicosi enthalten.

Mit der Erkenntnis, dass anorganische Arsenverbindungen stets toxisch sind und ihre medikamentöse Anwendung mehr Schaden als Nutzen bringt, untersuchte man Ende des 19. Jahrhunderts organische Arsenverbindungen auf ihre therapeutische Brauchbarkeit. Nachdem H. W. Thomas und Anton Breinl 1905 die abtötende Wirkung des Atoxyl auf Trypanosomen, die Erreger der Schlafkrankheit erkannt hatten, wurde mit dem weiterentwickelten Tryparsamid ab 1920 sehr erfolgreich therapiert. Das nachfolgende Melarsoprol erwies sich über Jahrzehnte als Mittel der Wahl zur Behandlung der Schlafkrankheit und wird heute noch eingesetzt. Das erfolgreichste arsenhaltige Chemotherapeutikum war das von Paul Ehrlich entwickelte und 1910 erstmals zur Behandlung der Syphilis in die Therapie eingeführte Salvarsan (die korrekte chemische Formel sieht man auf dem 200 DM-Schein).

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Die Ära der Salvarsane wurde durch die Epoche der Sulfonamide, der Penicilline und der nachfolgenden Antibiotika abgelöst. Neben der Toxizität von Arsenverbindungen sollte aber nicht verkannt werden, dass diese Arsen-organischen Arzneistoffe mehreren Tausend Menschen das Leben gerettet oder erträglich gemacht haben.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts steht eine Zubereitung von Arsentrioxid (As2O3) als Trisenox® zur Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs, der akuten promyelozytären Leukämie (APL) zur Verfügung. Das Arsen verursacht durch Eingriff in den Stoffwechsel der Leukämiezellen deren Apoptose (programmierter Zelltod). Damit ist das Arsen wieder in den aktuellen Arzneischatz zurückgekehrt.

Offen bleibt die Frage, ob das Arsen für den Menschen ein Spurenelement darstellt. Der Gesamtgehalt von Arsen im Körper eines durchschnittlichen Erwachsenen liegt bei etwa 7 Milligramm. Eine tägliche Arsenaufnahme von bis zu 1 Milligramm gilt als harmlos. An dem Genuss des Trinkwassers der Baden-Badener Heilquellen ist meines Wissens noch niemand erkrankt oder gar gestorben. Für bestimmte Tiere ist Arsen essentiell. Hühner oder Ratten zeigen bei arsenfreier Ernährung deutliche Wachstumsstörungen.

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Eine langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass Pferde ein schön glänzendes Fell aufweisen, wenn ihnen Arsenik ins Futter gemischt wird. Dieses Phänomen wurde als gesundheitliches Wohlbefinden gedeutet und hat sicher auch die Arsenikesser animiert.

Wer mehr wissen möchte über die Themen Arsen in Kriminalromanen und klassischer Literatur, Nachweis von Arsen durch die Marsh‘sche Probe, Verstoffwechselung im menschlichen Körper, Schweinfurter Grün und Napoleons Tod auf St. Helena, Arsen in den Haaren von Ötzi, in Meerestieren und Pflanzen und manches Weitere, der lese meinen Artikel „Mit und ohne Spitzenhäubchen“.

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