Festrede 30 Jahre Atelierhaus Neue Schule

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Festrede von Harald Schwiers zum Jubiläum

Die Rede von Harald Schwiers wurde mit einem kurzen Rückblick auf die Badische (Revolutions) Geschichte eingeleitet, wobei die Bundesfestung Rastatt Erwähnung fand. Sie fragen sich jetzt, was an einem Sonntagmorgen dieser Ausflug in die deutsche und speziell Badische Geschichte mit dem Jubiläum des Atelierhauses „Neue Schule“ zu tun hat? Es gibt natürlich dafür eine Erklärung.

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Dieses eigentlich schöne Haus, dessen Reiz und Charme man heute noch bei genauem Hinschauen entdecken kann und sollte (unabhängig von den Menschen, die das Gebäude mit Leben erfüllen), ist nämlich nicht an der Südtangente gebaut, wie man vermuten könnte, wenn man sie so hört, sondern nah am Wasser. Direkt an der schönen Alb.

Logisch. Denn ursprünglich handelte es sich hier um ein Waschhaus, genauer um die Bulacher Dampfwaschanstalt Roll. Und zum Waschen benötigt man Wasser, viel Wasser – Wasser ist zum Waschen da, faleri und falera, so sangen die Peheiros in unserer Jugend.

Die Steine des Hauses stammen tatsächlich von der alten Bundesfeste Rastatt, als man begann sie zu schleifen. Aber da war das badische Kind schon längst in den preußischen Brunnen gefallen.

Falls Sie zum Thema Wasser noch eine Frage haben sollten, dann verweise ich Sie auf den kompetenten Mann in der Ateliergemeinschaft, an Professor Dr. Hermann Roth. Der kennt den Stoff, Wasser-Stoff, bestens, in- und auswendig. Schauen Sie sich mal seine konstruktivistischen Modelle näher an und scheuen Sie sich nicht, ihn auch zu befragen, die Arbeiten zu hinterfragen.

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Er scheut es nicht, wie ich, der ich H2O nur in besonderer Form an mich heranlasse. Als Weihwasser. Oder destilliert, mindestens zwei Mal, besser drei Mal, wie es der Schotte und der Ire zu tun pflegen.

Hermann Roth ist das jüngste Mitglied der Ateliergemeinschaft „Neue Schule“. Das aber ist nicht wirklich korrekt: Er ist das älteste Mitglied. Gemessen an Lebensjahren. Ein Paradoxon? Neinnein. Dennoch ist Hermann Roth der Benjamin, denn er kam erst vor rund zehn Jahren ins Atelierhaus.

Aber: Benjamin Professor Doktor, ist nicht nur der jüngste Älteste, sondern auch ein rhetorisch ausgebuffter Mitbürger und er ist gebürtiger Pfälzer. Die Rolle des Pfälzers in der Badischen Residenz ist naturgemäß vorgegeben. Siehe oben. Allerdings: diese Rolle, dieses politisch schon lange nicht mehr korrekte Kärtchen, wird hier nicht ausgespielt und gezogen. Denn es gibt in der Gemeinschaft ja auch andere, nicht wirklich selbstverständliche, Konstellationen. Etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die allfällige Verbindung zwischen der Schwäbin Barbara Jäger und dem vorderösterreichisch-urbadischen OMI Riesterer. Wie das funktioniert? Fragen Sie die beiden. Offenbar sehr gut.

OMI-und-Barbara_400x320Zurück zum Benjamin Prof. Dr.: Neben der Kunst, die er hier erforscht und austüftelt, ist der promovierte Pharmazeut und Wassermann auch Autor, der mit Sprache und Sprechversatzstücken jongliert wie mit Molekülen und er ist dazu ein äußerst geschätzter Redner.

HJR-und-Bankerte-Buch_300x380Es ist mir deshalb ein großes Wunder, dass man mich hier für heute verpflichtet hat. Sei’s drum. Falls Sie mal die Gelegenheit haben sollten, eine Rede von Hermann Roth zu einer Vernissage oder ähnlichem zu hören, kann ich Ihnen nur empfehlen: Gehen Sie hin. Es wird besser als heute. Und alles andere Zeitgleiche können Sie getrost versäumen; den sonntäglichen Segen kann man sich auch im Spätgottesdienst noch abholen. Notfalls im Internet; das ist heute allgemein übliche Praxis. Sie sparen Zeit für die Kunst an sich.

Das Thema Ateliergemeinschaft/Atelierhaus beinhaltet ja, neutral betrachtet, ganz viele unterschiedliche Aspekte. Den klassischen Ansatz der Wohngemeinschaft mit dem Thema Müll/Abspülen/Hausordnung/Katze usw. und – später – Mietzinszahlung (man ist rechtlich auch eine BG, Bürgerliche Gemeinschaft: Einer für alle, alle für einen) – diesen Ansatz und die eventuellen Probele liegen weit hinter uns.

Eigentlich brödelt hier so jeder für sich rum. Könnte man denken und meinen. Dem ist aber nicht so. Natürlich arbeitet jeder der sechs Künstler im eigenen Sud, brütet, wurschtelt, kreist, gebärt vor sich hin. Dem ist aber hier nur oberflächlich so und das zeichnet den „Verein“ ja irgendwie auch aus, unterscheidet ihn von anderen üblichen AG-WGs.

Der gepflegten Auseinandersetzung mit dem soeben fertig gekreisten Berg, der Arbeit, dem Werk. „Was häldsch denn davon?“ – „Ha, I woiß nedd so richdig“ – nein, das sind nicht die passenden Termini für die beständig wertfreien, dennoch kritischen Konfrontationen im Team der Ateliergemeinschaft, mit dem Werk eines Einzelnen. Wenn denn der die Meinung der anderen sucht. Hier geht es dann doch zur Sache, wenn die Meinung eines Kollegen gefragt ist.

Ich glaube, daß prinzipiell der Respekt, die menschliche und künstlerische Akzeptanz und vor allem der gute Geist des Weines hier die Regie führen, stets führten. Und das war und ist auch gut so. Denn die Arbeits-Ergebnisse der Ateliergemeinschaft lassen sich durchaus sehen. Beinahe überall. Seit 30 Jahren. Man muss nur hinschauen.
Reibung gehört zum künstlerischen Geschäft und um Reibung waren die Dame und die Herren der Ateliergemeinschaft nie verlegen. Reibung, die erzeugt Spannung (ist ja OK, die kann man kreativ umsetzen und menschlich nutzen, umwidmen, Energie herausziehen), Reibung heißt aber auch Wärme. Wohlige Wärme, bringt früher oder später den berühmten „Stallgeruch“ mit sich, an dem sich Familienmitglieder – und die sechs sind ja durchaus eine Art Familie – immer wieder erkennen.

Das begann schon mit den Anfängen. Das war – viele werden sich noch sehr gut daran erinnern – in der Innenstadt. In der Mathystraße 42 a, Ecke Otto-Sachs-Straße. Die „alte Schule“ quasi.

Mathystrasse-1978_460x220Jahrelanger Einsatz der Künstler machte daraus ein Schmuckstück, da galt es jede Menge zu renovieren. Und das gelang. Nach sechs Jahren mussten die 11 Mitglieder der Ateliergemeinschaft leider das Gebäude räumen. Es wurde zu einem Altenheim umgebaut.

Es war nicht nur notwendig, unausweichlich, sondern auch sehr gut, daß man wegzog. Ein Altenheim – natürlich wurde das benötigt – aber aufs Altenteil gehörten die sechs übrig gebliebenen nun weiß Gott nicht. Auch heute noch nicht.

Also hieß es, eine neue Heimat, Heimstatt zu finden, dann wieder die Kelle in die Hand nehmen, neu strukturieren, wieder sanieren, aufbauen. Und damit ein historisches Gebäude, eben die Dampfwäscherei in Bulach, nicht nur vor dem Ver- und Zerfall retten, sondern mit Leben zu erfüllen. Das sind bekanntlich zwei Paar Stiefel – Handwerk und Seele – die aber beide reichlich Zeit in Anspruch nehmen.

30 Jahre später – heute: Inzwischen sind die Haare der Bewohner der Neuen Schule etwas schütterer, die Bärte hingegen deutlich grauer, die Brillen schärfer geworden. Auch die Hosen sitzen – nehmen Sie mal die Einladungskarte zur Hand – nicht mehr ganz so locker, wie vor 30 Jahren, als die sechs hier einzogen. Aber seltsam: Die Oberteile, Hemden, T-Shirts, Blusen, fallen allgemein jetzt sichtbar lockerer als annu dazumals. Nun denn. Bei mir auch. Auch Künstler unterliegen dem Modediktat. Davon unbeeindruckt aber zeigt sich der Geist der „Neuen Schule“; Schule im künstlerischen Kontext bedeutet ja auch immer „neue Richtung“, Nachfolger, Schüler. Wo aber findet der gemeine Betrachter diese neue Richtung?

Mitglieder-Ateliergemeinschaft_480x100Erstens muss er mal selber schauen – 6 Künstler, das bedeutet 6 Richtungen. Zweitens kann man sich ja mal an den Analen, an der Geschichte, orientieren. Ein gewisser Franzsepp Würtenberger, Sohn des alten Ernst Würtenberger (gerade wird er in der Städtischen Galerie mit ein paar wegweisenden Arbeiten ausgestellt), Kunsthistoriker, Professor, Doktor, Künstler, Kalligraf, die schrägste Type, die es in Karlsruhe zwischen den 60ern und 90ern gab (neben und zusammen mit Franz-Joseph Wehinger, dem Theatergespenst, der in Premieren immer seine Butterbrote aus der Aktentasche holte und vesperte) und: beide Würtenbergers ohne Doppel-T und mit n statt m (also koine direggd Neig’schmeggde) also kurz: Franzsepp hielt die Eröffnungsrede zur alten „Neuen Schule“ – Mathystraße – und wurde daraufhin der erste (und letzte) „Ehrenschüler“ der Gruppe. Das deutet schon auf die etwas schräge Gesinnung des Ausgezeichneten, aber auch der Titelgeber hin. Eigentlich war dieses Zertifikat Kunst-zersetzend. Franzsepp, für alle, die ihn nicht kannten, war damals immerhin schon – 1909 geboren – 69 Jahre alt. Aber „Schüler“!

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Und sechs Jahre später, am 9. September 1984, war es „Schüler Franzsepp“, der die Eröffnungsrede der „Neuen Schule“ hier in Bulach hielt. Wohl gemerkt: an seinem 75. Geburtstag. Dieser Umstand hat ihn bestimmt genauso amüsiert, wie seine Rede die Zuhörer.

Es wurde ja bereits erwähnt: heute ist Tag des Denkmals, auch wenn sich das Motto „Farbe bekennen“ nicht bis ganz oben rumgesprochen hat – ich sehe nur ein intensives Grau – und natürlich gehört dieses Gebäude zu den Kulturdenkmalen und zwar nicht nur als ehemalige Dampfwäscherei Roll. Denk mal – auch als Imperativ oder Anregung zu verstehen. Dafür steht – symbolisch – der letzte Rest des Schornsteins hier draußen, nicht mehr funktionsfähig, aber immerhin als eine Art Zeigefinger. Denk mal. Gerade in einer Zeit, in der über Zumüllung von Denkmalen im Stadtbild öffentlich diskutiert wird.

Schornstein-Atelierhaus-mit-Wolken_350x440 Zurück zur Ateliergemeinschaft: Es hat ja sehr viele diverse Gemeinschaften gegeben, etwa K 1, die Kommune mit Fritz Teufel, die WGs von Rainer Langhans (aber wer mag schon in unserem Alter mit sechs Frauen dauerhaft zusammen leben?) oder die berühmte Heidelberger Bullen-WG. Das sind nun keine Ordnungshüter, sondern vier betont männliche Elefanten. Aber: die WG funktioniert. Wer bei den Bullen den Mist rausmacht, das sei mal dahingestellt. Reibung nutzen die Elefanten eher als Wärmequelle, nicht als konstruktive Auseinandersetzung für konkrete Ziele.

Die allerdings gibt es und gab es bei der Ateliergemeinschaft durchaus und beständig. Noch heute spricht man vom „großen Coup“; in der Gemeinschaft und in Hohenwettersbach. Dort allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Denn schließlich haben die 6 der AG 1987 eine Figur als Brunnenmotiv erfunden, die jeder Hohenwettersbacher allerbestens kannte, die aber nie lebte, nie existierte: Den tanzenden Sau-Peter. Der Entwurf und vor allem die Idee dahinter fand Eingang in die Hohenwettersbacher Chronik. Dort sind heute noch die Erlebnisse und amüsanten Streiche des Sau-Peters, von der Ateliergemeinschaft in sinnliche Formen gesetzt und vorgeschlagen, nachzulesen. Leider wurde der Brunnen nie verwirklicht. Dahinter aber könnte durchaus ein augenzwinkernder Anstoß des Ehrenschülers Franzsepp Würtenberger stecken, sau-gnitz wie er stets war. „Captain, oh my captain!“

Nun war dieser Brunnen-Entwurf weiß Gott nicht der einzige künstlerische Erguss der Gemeinschaft. Auch nicht der einzige, der nicht realisiert wurde. Aber es gab natürlich auch die schönen Geschichten um den (natürlich röhrenden) Hirschen für die Landesgartenschau in BAD (1981) und auch für das nach der Aktion benannte -Brückenfest. Inklusive einem spektakulären Hirsch-Wettrennen. Um Ideen ist und war man in der Gemeinschaft nie verlegen. Und bei derlei Aktionen, da spüre ich den Franzseppschen Geist wabern und dem ach so arrivierten Kunst-Genießer hämisch die Zunge herausstrecken, wie sintemal die Herren Zappa, Jagger oder auch Shakespeare.
Auf der anderen Seite, also erfolgreich umgesetzt (und hoffentlich auch entsprechend vergütet) steht etwa die Pyramide, die von der Gemeinschaft 2005 anlässlich der 50jährigen Jumelage Karlsruhe-Nancy gebaut und ausgestellt wurde und die letztlich im – man höre und staune – „Haus der Geschichte“ in Stuttgart landete.

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Und es gab auch einen Paragraphenwald, also einen Art Residenz-des-Rechts-Dschungel, jede Menge Schafe oder eine für Maler und Tapezierer sehr praktische Jumelage-Falt-Papiermütze, bei der – je nach persönlichen Origami-Fähigkeiten – mal diese oder jene Seite, die deutsche oder die französische, zum Vorschein kam.
Irgendwie haben es die 6 immer wieder geschafft, den Kunstbetrieb mit den speziellen Karlsruher Begebenheiten zu verknüpfen und dabei nicht bierernst zu bleiben. Aber ernsthaft geht auch, wie das Waldenserdenkmal „Tor des Ankommens“ für den Palmbacher Waldenserweg zeigt.

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Gut, das betrifft nur zwei der Gemeinschaft, Barbara Jäger und OMI Riesterer, aber ich bin mir sicher: Die anderen 4 sind auch stolz darauf, denn sie haben auch einen kleinen – ideellen – Anteil am Erfolg. Siehe oben!

Denn statt Masse setzt die AG auf das Menschliche, auf das Miteinander (dann gerne mit vielen Karlsruhern), die sich zu den Festen der Gemeinschaft bei Kaffee und Kuchen treffen und sich wohl fühlen, aufgehoben fühlen. Und die gerne auch mal nicht alltäglichen Ideen verfolgen, die völlig unabhängig von den sehr unterschiedlichen künstlerischen Aktivitäten der Einzelnen sind.

Und wenn einer Ihnen von ums Eck plötzlich und unerwartet mit den Augen zuzwinkert, dann schauen Sie doch mal schnell, ob sich nicht auch Franzsepp Würtenberger hier noch irgendwo versteckelt. Ich bin mir ganz sicher!

© Harald Schwiers /11.09.2014

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