Gifte und Drogen in Krimi-Serien

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Gifte und Drogen in Krimi-Serien

Wenn in Fernseh-Krimis Gifte zur Anwendung gelangen, ist immer Vorsicht geboten. Oft wird mit den letalen Dosen grob-fahrlässig umgegangen. Gelegentlich werden den Giften auch fehlende Eigenschaften angedichtet. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hier sollen in lockerer Folge solche Fälle geschildert werden.

Beispiel: In einer früheren Folge von SOKO Kitzbühel musste Hannes Kofler, der sympathische Grandseigneur der feinen Küche, verursacht durch den Unbill der Wetterlage, in einer alten Gebirgshütte übernachten. Dabei ist ihm aus Unachtsamkeit etwas von dem Staub des offenen Kamins in den Mund gelangt. Darauf wird er von einem mächtigen Bewegungsdrang befallen. Er schnallt seine Ski an und stürmt nachhause in einem Tempo, das jedem olympischen Langlaufsieger Ehre gemacht hätte. Man erklärte dieses Phänomen dann so, dass der verschluckte Hüttenstaub Arsen enthielt, was durchaus möglich erscheint, jedoch niemals die Eigenschaften eines Weckamins wie Amphetamin entwickeln kann. Drehbuchautor und Regisseur hatten einmal gelesen oder gehört, dass Arsen die körperliche Leistung steigern kann. Doch ist dies ein Prozess, der, wenn er überhaupt zu einem Erfolg führt, einen sehr langen Zeitraum benötigt, um erkennbar zu werden. Zudem wird eine Dosierung erfordert, die mit ein paar Staubkörnern aus dem Kamin nicht erreicht werden kann. Fazit: Mundus vult decipi mit zwei eklatanten Fehlern!

Äußerst naiv und kenntnislos äußert sich eine Ermittlungsbeamtin in einer anderen SOKO-Serie. Der Mord geschah mit Blausäure. Woher hatte die Täterin das Gift? Der Kriminalistin kommt die Erleuchtung: “Ihr Onkel ist doch Apotheker, der hat bestimmt noch eine Flasche Blausäure in seinem Regal herumstehen“. Es ist aber nicht ganz einfach, die gasförmige Blausäure wie einen Geist in eine Flasche zu bannen. Und ich kenne keine Apotheke, die Blausäure bevorratet. Da müsste der Mörder sich schon in eine Gold- und Silber-Scheideanstalt bemühen, wo er zwar keine Blausäure aber wahrscheinlich Kaliumcyanid entwenden könnte.

Es ist in Feinschmecker-Restaurants Mode geworden, Salat-Kreationen mit essbaren Blüten zu dekorieren, z.B. Gänseblümchen, Margeriten, Veilchen, Zuccini, Kapuzinerkresse.

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In einer SOKO-Folge hat man der unbeliebten und gefürchteten Restaurant-Kritikerin statt Kapuzinerkresse einige Blüten des gelben Fingerhuts in den Vorspeisen-Salat gemischt. Bereits den zweiten Gang des Menues erlebte die Dame nicht mehr.

Nun sind alle Teile des gelben Fingerhutes giftig, doch entspricht die im Krimi dargestellte rasche tödliche Wirkung von zwei Blüten nicht der Realität. Eine Vergiftung äußert sich zunächst mit Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Sinken der Pulsfrequenz. Besonders giftig sind die Blätter, die jedoch stark bitter schmecken und kaum freiwillig verzehrt werden würden.

Die Inhaltsstoffe des Fingerhuts sind herzwirksame Substanzen (Digitalis-Glykoside). Sie werden heute jedoch überwiegend aus dem roten Fingerhut gewonnen und zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen arzneilich genutzt.

So viel zur Einstimmung.

Jetzt kommen wir zu zwei Fällen, die mit Daten belegt werden.

Folge 61 der Krimiserie „Der letzte Zeuge“, Im gläsernen Sarg, zuletzt gesendet am 14.02.2014 von ZDF neo.

Dort rächt sich eine Frau an zwei Männern, die ihrer Meinung nach den Tod verdient haben, indem sie ihnen das Alkaloid Bulbocapnin in die Getränke mischt. Es ist mehr als unwahrscheinlich, an dieses, in Laienkreisen unbekannte Aporphin-Alkaloid zu gelangen, das aus Corydalis Arten isoliert wird. Dass der überragende Pathologe Dr. Kolmaar sofort die Dopamin-Rezeptor-Blocker-Wirkung des Bulbocapnin erkannte, ist erstaunlich. Dass Alkaloide in Form ihrer Salze wasserlöslich sein können, ist bekannt. Dass das „Hydrochloride“, wie der Kriminalist aus zweiter Reihe bemerkte, leicht löslich und geschmacklos sei, stimmt nur zur Hälfte. Und die im Krimi inszenierten dramatischen Wirkungen dieses Giftes wurden maßlos übertrieben.

SOKO Stuttgart „Auf fremde Rechnung“, am 6. März 2014 im ZDF.

Hier ging es um einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Unglaubwürdig war die Herstellung einer Droge in sehr großen Mengen. Die schlauen Ermittler konnten feststellen, dass einige Kilogramm 4-Methyl-propiophenon gekauft wurden. Ein Chemiestudent, der sein Studium abgebrochen hatte, war in der Lage, in einem mit geringem Aufwand eingerichteten Labor, ohne den erforderlichen Abzug, daraus innerhalb von zwei Tagen kiloweise Mephedron herzustellen. Unter den gegebenen Umständen wäre die Synthese von ein paar Gramm dieses Weckamin-Derivates glaubhaft gewesen. Dazu braucht man nämlich elementares Brom, extrem toxisch, nur unter besonderer Sorgfalt und entsprechenden Einrichtungen zu handhaben. Das damit bereitete, in Position 2 der Seitenkette bromierte Keton hat die Eigenschaften eines starken Tränengases, was das ganze, alte, verlassene Haus in eine penetrant riechende Giftküche verwandelt hätte. Die Umsetzung mit Methylamin würde kaum Schwierigkeiten bereitet haben. Aber zur Extraktion der freigesetzten Base wären viele Liter Methylenchlorid oder ein anderes geeignetes Lösemittel nötig gewesen. Woher nehmen, wenn sie nicht auch gekauft wurden?

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Im Krimi Kettenreaktion (ZDF am 10. Mai 2014) mit Kommissarin Lucas geht es um die Herstellung von Crystal Meth, identisch mit Methamphetamin, in großem Maßstab. Die Droge kann in einem Waschküchenlabor illegal hergestellt werden aus Ephedrin oder Pseudoephedrin durch Reduktion mit Jodwasserstoffsäure und rotem Phosphor.

Bei der Frage nach der Beschaffung von Ausgangsmaterial für Kilomengen dieser Droge sagte ein Kriminalbeamter im Brustton der Überzeugung: “das kann in jeder Apotheke als Erkältungs- oder Schnupfenmittel gekauft werden“.

Ephedrin ist in Erkältungsmitteln beispielsweise Wick MediNait®, Pseudoephedrin in Mitteln gegen Schnupfen beispielsweise Rhinopront® Kombi Tabletten enthalten. Ein Becher MediNait (= 30 ml) enthält 6,2 mg Ephedrin, in einer Rhinopront® Tablette sind 2,5 mg Pseudoephedrin.

Rechnen ist offenbar weder die Stärke des Texters noch des Regisseurs, sonst wüssten sie, dass man besagte Erkältungsmittel und Schnupfenmittel tonnenweise beschaffen müsste, um Crystal Meth in den großen Mengen herzustellen, um die es in diesem Krimi ging.

Mit besten Grüßen an den Drehbuchautor und die Regie.

Fortsetzung folgt, sobald ich wieder Zeit habe, zur Entspannung einen Fernsehkrimi anzuschauen, in dem mit Giften agiert wird.

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