Der Star und der falsche Gebrauch von Begriffen

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In den Medien werden heute immer öfter die Begriffe Star, Idol, Ikone und Legende gebraucht. Daneben sind die Akronyme Promis, Profis und VIPs häufig zu finden. Ferner ist die Rede von Genies, Giganten, Klassikern und Koryphäen. Es erscheint mir angebracht, den bildungshungrigen Lesern mit ein paar wortspielerischen Definitionen und aktuellen Belegen weiter zu helfen, was hiermit geschieht.

Es gibt einen grauen, einen grünen, einen schwarzen und sehr selten einen weißen Star, einen Pop-Star, einen Rock-Star, einen Super-Star, einen Mega-Star und einen Medien-Star. Die farbigen sind Bezeichnungen für Augenerkrankungen, die sich meist operieren lassen. Die anderen sind fast immer sehr farbig gekleidet, manchmal auch halbnackt und operieren auf Bühnen, im Fernsehen und im Kino. Später werden ihre Glieder steif. Das ist das Ende eines jeden Stars. – Der Star, der am Star operiert werden musste, wurde schon in meinem vor zwei Monaten im IFB Verlag Deutsche Sprache erschienenen Buch Banker und Bankerte (ISBN 978-3-042409-35-3) zitiert.

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Aber da haben wir ja vergessen, dass es auch einen Star gibt, der fliegen kann, ein schillerndes Federkleid hat und dessen Stimme ans Schnarchen erinnert. Daher ist auch sein Name vom lateinischen sturnus (= Schnarcher) abgeleitet.

Doch der Name der Stare, die nicht fliegen können, kommt vom englischen star = Stern. Aus dem Sternchen, dem Starlet wird mit zunehmendem Erfolg ein Star, der nach den Sternen greift. Und wenn er dann immer älter wird, ist sein Stern allmählich im Sinken begriffen. Wenn es nach den Medien geht, ist jede Göre und jeder Bursche, die ein paar ungeschliffene Töne ihrer Kehle entlocken oder herausstöhnen, schon ein Starlet oder ein kommender Star. Und wenn „Deutschland seinen Superstar sucht“ durch selbsternannte Juroren, die sich wie Hyper- und Mega-Stars vorkommen, dann ist der Missbrauch des ursprünglich einmal ganz originellen und hübschen Begriffs zementiert.

Damit die Fans der Stars und Pseudostars – die, wenn sie die Bedeutung des Präfixes pseudo nicht kennen (und woher sollten sie’s), sich für besonders ausgezeichnet halten – den Boden nicht unter den Füßen verlieren, muss ihnen beizeiten der Star gestochen werden, (heißt, sie müssen aufgeklärt werden).

Statt vom Star ist auch oft von einem Idol die Rede, abgeleitet vom lateinischen idolum, das wiederum vom griech. eídôlon stammt und Gestalt, Trugbild oder Götzenbild bedeutet. Laut Duden sind Kultfigur, wandelndes Wunschbild, Abgott, schwärmerisches Vorbild und ähnliche Begriffe Synonyme für Idol. Doch wer gilt heute nach Meinung der Medien, die auch als öffentliche Meinung bezeichnet wird, obwohl sie es gar nicht ist, als Idol. Es ist der Rennfahrer oder der Pistenflitzer, der sich den Schädel einrennt, der Rocker, der mit Hüften, Hintern und Hosenbeinen wackelt, der Dressman, der oft Stroh im Hirn hat, was man nicht sieht, aber teure Klamotten am Leib, die zur Schau gestellt werden.

Wird der Star etwas statischer, spricht man von einer Ikone. Das war und ist ein Kultbild, ein geweihtes Tafelbild der orthodoxen Kirche, ein Heiligenbild, ein Heiligengemälde. Wenn die in solchen Bildern Dargestellten aus dem Rahmen treten, werden sie zu Lichtgestalten und auch zu Sektenführern und Gurus. Maradona ist ein Fußball-Idol, Madonna eine Pop-Ikone.

Legenden kann man unter Abbildungen lesen, auch unter den Fotos von Stars und Idolen. Es sind erklärende und erläuternde Bildunterschriften. Wer denkt heute noch daran, dass die aus dem lateinischen legenda kommende Legende eine während des klösterlichen, wenig köstlichen Mittagessens oder während des Gottesdienstes zu lesende Partie aus dem Leben eines Heiligen war. Heute versteht man darunter eine unglaubwürdige Geschichte, eine Fabel, ein Märchen. Personifiziert wird der Begriff zu einer Bezeichnung für eine zunächst unwahrscheinliche, dann unwahrscheinlich gute, außergewöhnliche und daher zu bewundernde Gestalt, eben zu einer Legende, deren Leistungen lange zurück liegen. Kein Missbrauch des Begriffes ist es, wenn Max Schmeling als Box-Legende, Pelé als Fußball-Legende und Paganini als Geiger-Legende bezeichnet werden.

Promis sind die verbal gestutzten Prominenten, womit Personen bezeichnet werden, die ständig in der Öffentlichkeit und in den Medien zu sehen sind. Makaber wird die Sache, wenn ein schlimmes Verbrechen geschieht und die Täter zu Prominenten stilisiert werden. Das Wort ist abgeleitet vom lateinischen prominentia = das Hervorragende. Daraus kann aber keinesfalls geschlossen werden, dass Promis immer Hervorragendes leisten.

Profis sind keine Professoren sondern Professionelle (abgeleitet vom lateinischen profestus = werktäglich), also Personen, die eine berufsmäßige oder gewerbemäßige Tätigkeit ausüben bzw. Personen, die eine Aufgabe professionell d.h. gekonnt, qualifiziert und sachkundig erledigen.

Bekannt sind uns professionelle Sportler. Der Profi, der ein professionelles Urteil fällt, ist ein Richter. Der Profi, der eine professionelle Zahnreinigung vornimmt, ist ein Zahnarzt oder ein Dentist. Der Missbrauch des Begriffes Profi hält sich in Grenzen. Das Gegenteil von einem Profi ist der Amateur – abgeleitet vom lateinischen amator = Liebhaber. Er übt seine Tätigkeit aus Liebhaberei aus und nicht als Brotberuf, um damit Geld zu verdienen.

VIPs ist ein Anglizismus mit der Bedeutung „Very Important Persons“. Ich denke dabei an Schiller und Goethe, an Alexander von Humboldt oder an Christoph Columbus. Doch die kennt heute kaum noch jemand. Frag den Mann auf der Straße und er wird Dir eine Reihe von Personen nennen, die Du bis auf wenige Ausnahmen nicht kennst, etwa den Präsidenten eines Fußballvereins, der Millionen an Steuern hinterzogen hat.

Ein Genie ist eine Person mit einem angeborenen Talent oder mit enormer schöpferischer Geisteskraft, abgeleitet vom lateinischen ingenium = natürliches Talent oder lateinischen genius = erzeugende Kraft. Albert Einstein war ein Genie als Physiker und Denker, als Geigenspieler im Gegensatz zu einer Sophie Mutter jedoch nur Amateur. Der gerade verstorbene Claudio Abbado war ein Genie als Dirigent. Unsere derzeitigen Tele-Entertainer denken, sie seien Genies, sind es aber nicht. 

Giganten sind Gestalten der griechischen Mythologie, unübertroffen an Größe und Kraft. Heute muss man Giganten mit der Lupe suchen, dagegen greift die Gigantomanie um sich. Man denke beispielweise an die überdimensionierten Gebäudekomplexe in Dubai. Gigantisch ist auch die Mitgliederzahl des ADAC. Hoffen wir, dass der Skandal, den die Giganten dieses Automobilclubs verursacht haben, nicht auch noch gigantisch wird.

Klassiker (als Personen) sind Künstler oder Wissenschaftler, deren Werke musterhaft, vollkommen und von bleibendem Wert sind. Über das Bleibende entscheidet die Nachwelt. Kürzlich suchte ich in einem Musikladen CDs mit klassischer Musik, fand aber keine. Auf meine Frage an eine Fachkraft-Verkäuferin erhielt ich die Antwort, schauen Sie doch mal hier, die Beatles! Sind die Beatles nun Klassiker oder nicht? Diese Frage ist nicht von der Hand zu weisen und des Nachdenkens wert.

Als Koryphäe gilt heute derjenige, besser gesagt diejenige, die sich in schlüpfrige Feuchtgebiete begibt und darin schwelgt. Das „mögen die Leit“ und das wird verlangt und gekauft. Früher verstand man unter Koryphäe – abgeleitet vom griechischen koryphé = Gipfel – einen Anführer im Sinne einer führenden Persönlichkeit eines bestimmten Fachgebiets. Dass das Buch von Charlotte Roche allerdings auch als Gipfel bezeichnet werden kann, ist unbestreitbar.

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